Expeditionsbericht
| Und ewig lockt die Schatzinsel
Von Reinhold Ostler Rund 600 Expeditionen haben in den vergangenen 160 Jahren ihr Glück versucht, auf einer 24 Quadratkilometer großen Insel im Pazifik. Obwohl die Cocos Insel bereits vor mehr als 12 Jahren zum Naturpark erklärt wurde, erhält die Regierung von Costa Rica nach wie vor Anträge auf Suchgenehmigungen. Obwohl das Naturparkdekret auf der Insel Schatzsuchen verbietet, werden immer wieder neue Genehmigungen erteilt. Gegen entsprechende Zahlungen, versteht sich. Die letzte große stattgefundene Expedition, bestehend aus einer 25köpfigen internationalen Gruppe, wurde von einem Team der Treasure Press hegleitet. Reinhold Ostler berichtet, was Sache war. Dies ist eine Geschichte um die legendäre Schatzinsel, und wieder einmal einer Schatzexpedition, wie schon so vielen vorher. Doch diesmal war die Spur so heiß wie nie zuvor. Eine Türe hatte man entdeckt, eine Türe aus Stein, in einer Felswand in einer schwer zugänglichen kleinen Bucht. Dazu gehört jedoch, wie bei jeder Story, eine Vorgeschichte. Seit einigen Jahren beschäftigen sich ein paar Ingenieure aus Norddeutschland mit dem Geheimnis der Cocos Insel. Grundlage dafür: Die Bücher "Verborgenen Schätzen auf der Spur" "Da liegt Gold", und "Verschollene Schätze der Welt". Sozusagen "umfangreiches" Recherchematerial. Die Theorie der Hanseaten, daß der Schatz nicht weit von der Küste entfernt sein könne, ist durchaus vernünftig. Es erfolgten einige Expeditionen, und siehe da, das Glück schien ihnen hold zu sein. Während einer ihrer Exkursionen fiel der Außenborder aus, und ihr Boot wurde in eine kleine Bucht getrieben. Dort machten sie eine seltsame Entdeckung: In der Klippe über dem Meeresspiegel fanden sie zwei exakt quadratische Löcher, ca. 40 mal 40 cm groß. Darüber, in etwa fünf Meter Höhe, ein Loch, welches sich als eine Art Lüftungsstollen entpuppte und etwa vier Meter tief in eine Höhle in den Felsen führt. Die Höhle selbst war bis obenhin vollgefüllt mit Sand, der im Laufe der Jahre durch Spalten im Gestein hineingespült worden war. Der Metalldetektor signalisierte starke Metallvorkommen. Zur Sicherheit handelte die Expeditionsgruppe mit der Regierung von Costa Rica einen Vertrag aus, der ihr einen ordentlichen Anteil zusicherte. Noch einige Male kehrten sie zurück zur Insel, betrieben Ortsforschung und machten abermals eine entscheidende Entdeckung: Passend zur Beschreibung bezüglich der legendären "70 Schritte" usw. fanden sie eine Felsentüre, oder was immer dafür gehalten wurde. Bei der nächsten Expedition sollte nun die Öffnung der Türe erfolgen. Nun gehört zu dieser Vorgeschichte noch eine weitere Person in Gestalt eines äußerst cleveren amerikanischen-Businessman. John Hodge, so vermeldeten im Januar 1992 die costaricanischen Gazetten, möchte dem Lima Schatz aus der Luft mit Computern auf den goldenen Leib rücken. Ein mehrere Millionen Dollar teures Projekt, so die seriöse Zeitung La Nacion. Manch einer in Costa Rica zweifelt mittlerweite jedoch an der Seriosität des John Hodge. Die Zweifel sind berechtigt. Immerhin geschah bisher nichts dergleichen, außer, daß der gute Mr. Hodge einige Male die Insel besuchte, und ein Vertrag zwischen ihm und der deutschen Gruppe geschlossen wurde. Denn: John Hodge ist (noch) im Besitz einer offiziellen Erlaubnis. Der Bergung des Lima-Schatzes stand nun nichts mehr im Wege, (außer vielleicht die Beteiligten sich selbst). Am 20. Januar brachte uns der LTU-Flug Nr. 8401 nach Costa Rica. Costa Rica ist übrigens eine Reise wert, die Preise sind für unsere Verhältnisse relativ niedrig, der Service der LTU einsame Spitze und mittlerweile wahrscheinlich marktführend und das Land nach wie vor bezaubernd. John Hodge hatte eine 40 Meter Yacht gechartert. Die Yacht erwies sich als das, was man sich unter einem "Seelenverkäufer" vorstellt. Ursprünglich handelte es sich um eine Küstenyacht, mit offenem Deck, wahrscheinlich hervorragend geeignet, um zahlungskräftige Touristen an der Küste entlangzuschippem. Hochseetauglich war sie jedenfalls nicht. Als wir an Bord gingen, lag der "Kapitän" besoffen in der Hängematte. Eine malerische Kulisse bildeten die leeren Bierdosen und Rumflaschen, die mit jeder Dünung von Bordwand zu Bordwand rollten. Die Klo/Dusch-kombination bot ein Idyll für sich: Über den Rand der Kloschüssel schwappte die braune Hinterlassenschaft einer ganzen Armee. Pumpe verstopft. Ein beständiger Geruch von Durchfall hing über dem rostigen Kahn. Die Position wurde mit einem kleinen Hand-Sat ermittelt und dann der Kurs per Hand festgelegt. Das Schiff verfügte über ein erstklassiges Furuno-Radar, allerdings funktionierte es nicht. Das Echolot war hin und wir alle angesichts dieser Zustände hergerissen. Die Überfahrt gestaltete sich dann routinemäßig. Zumindest nehme ich an, daß ein sechsstündiger Maschinenausfall mit dazugehörigem Generatorendefekt nachts auf hoher See für diesen schwimmenden Mülleimer zur Routine gehörte. Das Ergebnis war, daß die Kühlung ausfiel, in den Tropen mit entsprechenden Folgen für die Lebensmittel. Unmengen Toast verschimmelten, der Käse erlitt selbiges Schicksal, die tiefgefrorenen Hamburger in Meterware (Hodge schien sich ausschließlich davon zu ernähren) getrauten sich nur ganz Todesmutige zu verzehren. Entgegen der Forderung, daß zwei Generatoren an Bord sein müssen, war dies nur bei einem der Fall. Nach zwei Tagen war das Wasser zu Ende. Dies war nicht weiter schlimm, denn der gute John-Boy hatte palettenweise Dosenbier gebunkert. Die Kombüse war in einem Zustand, daß wir Wetten abschlossen, wann die erste Ratte rausgetaumelt kommt. Wie es sich für eine solche Yacht gehört, hatte sie unter Deck ein Leck, so daß die First-Klass-Gäste, die über Kabinen verfügten, im Wasser standen. Daß lediglich drei Schwimmwesten vorhanden waren, nahmen alle dagegen nur noch mit Galgenhumor zur Kenntnis. Es wäre jedoch schändlich, die Dulcinea (so war der Name des Schiffes) noch weiter zu verunglimpfen. Tatsächlich erreichte die "Yacht" nach knapp 56-stündiger Überfahrt die Cocos Insel. Die Expeditionsgruppe, eine internationale Mannschaft aus Amerikanern, Costaricanem, einem Russen und Deutschen, war froh, Land wenigstens zu sehen bzw. in Schwimmweite zu haben. Es erwies sich allerdings als äußerst schwierig, in die Bucht zu gelangen. Ein ständiger, bis zu drei Meter hoher Schwell machte das Anlanden zu einem Hasardspiel. An die eigentliche Stelle gelangte man nur über eine Strickleiter, die 35 Meter über einer Felswand hing. Bis hier oben reichten die Palmenkronen, und wenn der Wind sie herüberbog, konnte man bequem die Kokosnüsse abpflücken. Eine Meisterleistung war der Einsatz von technischem Gerät unter diesen Geländebedingungen. Die "Türe" erwies sich allerdings als keine solche. Die Konturen waren von Hand eingemeißelt worden, die sogenannten Angeln ebenfalls. Das Loch in Schulterhöhe eines Mannes war vorhanden. So sehr man auch versuchte, mit einer Brechstange den vermeintlichen Schließmechanismus zu überlisten, es gelang nicht. Der Boschhammer dagegen erwies sich schnell als Türöffner. Nur: dahinter ging es nicht mehr weiter. Eine amerikanische Gruppe hatte mittlerweile einen anderen Punkt untersucht, und ebenfalls eine interessante Entdeckung gemacht: Ein Gang, der in einem regelrechten Höhlensystem endete, das eindeutig menschliche Bearbeitungsspuren aufwies. Versuche, in das Innere zu gelangen, schlugen fehl, da der Zugang zum weiteren System mit Felsblöcken versperrt war und die vorhandenen Werkzeuge nicht ausreichten. Die andere Gruppe arbeitete in der Zeit verbissen am Rätsel "Türe". Erst als man über die Brechstange im Loch visierte, wurde eine weitere Entdekkung gemacht: In der Verlangerungslinie der Brechstange fand sich fünf Meter hoch in der Felswand gegenüber wiederum ein Höhleneingang, der die selben Umrisse der "eingemeißelten" Türe hatte. Sparkey kletterte an einem Baumstamm hoch und kroch in die Höhle. "Here it's a bullshit wall", kam kurz darauf dumpf seine Stimme. Es war zum Verzweifeln. Zwei Meter Vorraum, danach war die Hohle mit zwei Felsplatten versperrt. Lediglich ein sehmaler Spalt in der Mitte, der aber keinen Blick ins Innere ermöglichte. Da wir vorher wußten, mit welchen Schwierigkeiten wir unter Umständen rechnen mußten, hatten wir eine Spezialkamera der Firma Techno-Marine im Gepäck. Diese winzige Kamera, lediglich drei Zentimeter Durchmesser und 15 Zentimeter lang, bestückt mit einem Fisheye-Objektiv und Restlichchtverstärkung, erlaubt selbst an den unzugänglichsten Stellen noch eine Aufklärung. Die "Minispektro" wurde eingeführt und zeigte, daß der vordere Teil der Höhle leer war. Da dies am letzten Tag der Expedition geschah, konnten wir nun nicht mehr viel tun. Gemäß Vereinbarung mußte die gesamte Gerätschaft wieder weggeschafft und alles wieder abgebaut werden. Die Umgebung der Spots wurde nochmals mit Detektoren abgesucht, und auch dabei wieder ein interessanter Fund gemacht. Alter ca. 150-160 Jahre! Es mutet seltsam an, daß erst der Ausfall eines Außenbordmotors zu solchen Entdeckungen führte. Immerhin existiert eine Kartenskizze, angefertigt von John Keating und von ihm unterzeichnet, die exakt diese Stelle der Insel und auch exakt diese beiden Stellen mit jeweils einem Kreuz markiert bezeichnen. Dies war der deutschen Gruppe jedoch nicht bekannt. Während der gesamten Zeit wurden wir begleitet von einem Mitarbeiter des National Park Services, dem die Insel untersteht. Die "Parkfrösche", so genannt, weil sie am Hemd einen Aufnäher mit einem Frosch tragen, haben auf der ursprünglich wildromantischen Insel in der Wafer Bay mittlerweile eine feste Station mit einem Steinhaus und einem Post Office errichtet. Sie legen Wege an, gesäumt mit Steinchen, entwässerten ein Stück Sumpf, bauen Hütten für Campinggäste, und schützen die Natur nach bestem Wissen und Gewissen. Das Fischen und Angeln rund um die Insel (einem der fischreichsten Gebiete der Erde) dagegen ist verboten. Demnächst sollen auch Hinweistafeln auf ein Rauchverbot aufmerksam machen! Keine Gewissensbisse bereitete dem Inselboß der Ölteppich, der die Dulcinea standig treu begleitete. Alles nur eine Frage des Blickwinkels. Nachdem es Kapitän Hemando in einer kurzen nüchternen Phase gelungen war, wenigstens einige hundert Liter Frischwasser zu bunkern, lichteten wir Anker zur Rückfahrt. Halt, das heißt, wir versuchten Anker zu lichten. Der guten Ordnung halber sei vermerkt, daß eine der beiden Ankerwinschen überhaupt nicht funktionierte und die andere ständig klemmte. Kapitän Hernando äußerte seine Zweifel an einer zwischenfallfreien Rückfahrt, zumal er mit schwerer See rechnete. Er sei sich nicht sicher, so sein Zweifel, ob die Dulcinea schwere See durchstehe! Sicherheitshalber lieh er sich von dem in der Chatham Bucht liegenden Tauchschiff Undersea Hunter eine Lenzpumpe aus, da die der Dulcinea selbstverständlich defekt war. Er, so der Kapitän, hoffe, daß der Treibstoff noch reiche, aber sicher sei das nicht, da die beiden Treibstoffanzeigen hinüber waren. Das Abklopfen des Tanks schien ihn jedoch beruhigt zu haben, denn eine halbe Stunde später stand ihm der Alkoholpegel bereits wieder Oberkante Unterlippe. Ohne weitere Zwischenfälle, bis auf schwere See, die der Pott wider Erwarten halbwegs durchstand, einen Generatorenausfall und das dreimalige Verlieren des Beiboots, welches im Schlepp(!) mitgeführt wurde, erreichten wir nach 48-stündiger Überfahrt Puntarenas. Dank gilt meinen beiden Begleitern Gerhard Oller, und insbesondere Henry, der die aktuelle Lage während der gesamten Zeit jeden Tag per Funk nach Deutschland übermittelte. Nachgeschichte Die Amerikaner? Waren alle sauer auf John Hodge. Er hatte nämlich jedem ein erkleckliches Sümmchen abgeknöpft für diese "Expedition". Die deutsche Gruppe? War ebenfalls sauer auf John Hodge. Ihnen hatte er nämlich eine Big-Summe aus dem Knie geleiert. Zudem durften sie die beträchtliche Charter für den schwimmenden Schrotthaufen berappen, Neunte Expedition, und nichts dazugelernt?! Die Dulcinea? Dürfte wohl in Kürze mit dem Schneidbrenner Bekanntschaft machen. Der Eigner sitzt bereits. Das Schiff hatte keinerlei Genehmigung für Hochseefahrten! Ach ja, der Schatz, der liegt noch immer dort. Aber wahrscheinlich nicht mehr lange. Mehr darf ich aber nicht verraten.......
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