
Leseprobe
Auswandern - der Traum vom Glück
Die Erlebnisse eines Auswanderers
in Costa Rica und Nicaragua
von
Michael Morgenstern und Jürgen Albrecht
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Inhalt: Vorwort Auswandern nach Costa Rica Bluefields, Nicaragua La Alegria, unser Dorf in Nicaragua Gewöhnung an das neue Leben Mord aus Rache Hurrikan Mitch Rückkehr nach Costa Rica Das Bordell Im Gefängnis Zurück in Deutschland Erneute Auswanderung nach Costa Rica Die Geschichte, die wir erzählen möchten ist die Geschichte eines Freundes. Er selbst möchte unerkannt bleiben, wohl aus Scham über seine eigenen Fehler und Schwächen. Auch aus Angst seine Erlebnisse wären uninteressant und langweilig. Dabei sind sie voller spannender Abenteuer und Überraschungen. Sie sind geradezu beispielhaft für die Erlebnisse eines Auswanderers. Deswegen dachten wir uns, dass vielleicht andere davon profitieren könnten. Wenn man auch aus dieser Geschichte keine Moral oder Philosophie ableiten kann, kann sie doch einem gemütlichen Entertainment dienen. Nachdenklich und sogleich komisch stimmt sie allemal. Außerdem soll sie alle, die schon einmal den verrückten Gedanken gehabt haben, auszuwandern, verführen sofort die Koffer zu packen um hinaus in die Fremde zu ziehen. Denn es gibt soviel zu Erleben und unser Leben ist zu kurz um es an die Bequemlichkeit zu vergeuden.Unseren Freund werden wir Markus nennen. Seinen wirklichen Namen möchten wir aber geheim halten, so dass ihm keine negativen Konsequenzen aus seiner Geschichte drohen. Hätte Markus doch nicht schon in seiner Jugend, die verrückte Idee, aus Deutschland auszuwandern, dann wäre er vielleicht jetzt schon Millionär oder zumindest beruflich erfolgreich. Seine Ambitionen aber, in dieser Hinsicht, waren nicht sonderlich groß. Er fragt sich unsinnigerweise noch heute, was aus ihm geworden wäre, wenn er damals nicht diesen Wunsch gehegt hätte.Die Idee mit dem Auswandern kam ihm auf folgende Weise: Seine Eltern vermieteten in ihrem Hause Zimmer an das Goetheinstitut in Mannheim. Das schickte ihnen regelmäßig Studenten aus aller Welt. Die wohnten dann drei oder auch sechs Monate dort und lernten die deutsche Sprache. Im Vergleich zu den anderen Ländern, schienen Markus die Studenten, die aus Lateinamerika kamen die Lustigsten und Angenehmsten. Mit welcher Frivolität und Leichtigkeit sie das Leben angingen. Er kam sich als Deutscher, wie der biederste Spießer vor, im Vergleich zu denen. Sein Leben erschien ihm so fremdbestimmt und gezwungen. Die "Latinos" repräsentierten, genau das Lebensgefühl, dass er gerne gehabt hätte. Von allen lateinamerikanischen Ländern stand Costa Rica, was politische und wirtschaftliche Stabilität betrifft, ganz hoch in der Statistik. Denn wenn man an die Probleme von Venezuela, Brasilien oder auch Kolumbien denkt, dann wird einem speiübel. Und obwohl er nie jemanden von Costa Rica kennen gelernt hatte, entschied er dorthin auszuwandern.Das Auswandern ist gar nicht so schwer, besonders wenn man einen so langweiligen Beruf gelernt hatte wie er. Markus ist nämlich Diplom-Verwaltungswirt von Beruf und ihm wurde noch während der Ausbildung klar, dass er diesen Beruf nie, aber auch nie, in seinem Leben ausüben werde. „Diese Langeweile ist für mich die Hölle“, sagte er sich immer wieder. Die Krise im öffentlichen Dienst Anfang 1994 als er seine Ausbildung beendete, tat ihr übriges. Markus hatte keine eigene Wohnung, nur ein Studenten-zimmer, also fiel es ihm auch nicht schwer die paar belanglosen Dinge aufzugeben, die er besaß. Spanisch hatte er sich schon vorher mit Hilfe von Kassetten aus der Leihbücherei und den zahllosen Studenten, die bei seinen Eltern wohnten beigebracht, so dass seiner Reise ins Unbekannte nichts mehr im Wege stand.Doch Costa Rica war nicht ganz so, wie er es erwartet hatte. Vorinformiert mit Reiseführern, Statistiken und Landesvergleichen, war er erst einmal geschockt als er es in Wirklichkeit sah. Die ganzen Häuser in den größeren Städten waren vergittert und sahen aus wie Käfige. Die Angst vor Einbrüchen ging im ganzen Land um, und die war auch berechtigt. Die Straßen waren schmutzig und laut. Gab es überhaupt eine hässlichere Hauptstadt wie San José? Kolonialbauten wie in anderen latein-amerikanischen Städten waren keine da. Sie wurden alle von den zahlreichen Erdbeben zerstört. Erst später als Markus die zahlreichen Naturparks, Vulkane und Strände bereiste, lernte er das Land schätzen. Es gab aber auch noch etwas Anderes, dass er gleich von Anfang an Schätzenswert fand: Die Freundlichkeit der Einwohner. Die "Ticos" (so nennen sich die Einwohner) sind hilfsbereit, kommunikativ und herzlich. Das ist es, was ihm trotz aller seiner Erlebnisse auch heute noch so teuer ist an diesem Land.Das Leben in Costa Rica war nicht so einfach und so in den Tag hinein leben konnte man nicht. Er musste sich, und später dann seine Familie, irgendwie über Wasser halten und dazu war es notwendig, dass er sich ständig um Arbeit bemühte. Markus fing an in San José als Pianist zu arbeiten. Diese Tätigkeit übte er auch schon während seiner Ausbildung in Deutschland aus. Egal wo er auch weilte, er fand immer irgendwelche Gigs, sei es am Empfang im Hotel, Restaurant oder Bars. Das machte ihm Mut es auch in einem anderen Land zu versuchen. Jetzt im nach hinein, kam ihm oft in den Sinn, dass die Idee Pianist in Costa Rica zu werden, wohl eine Schnapsidee war. Es gibt nämlich gerade mal zehn Hotels im ganzen Land, die überhaupt als Arbeitsplatz für einen Bar-Pianisten in Frage kämen. So fand er auch in den ersten 3 Monaten gar keine Anstellung, obwohl er überall vorsprach.Erst durch einen Kontakt bekam er Arbeit. Aber dieser Kontakt stellte sich dann als großer Schweinehund heraus. Er hieß Rudolpho und Markus lernte ihn in dem Haus kennen, indem er ein Zimmer mietete. Als Rudolpho davon erfuhr, dass er Arbeit suchte, machte er sich wirklich viel Mühe, Markus dabei zu helfen und fragte überall herum. Der hatte allerlei Beziehungen; kannte sogar eine Ministerin für kulturelle Angelegenheiten. Mit der machte er Markus auch bekannt. Dann sprach er eines Tages bei den Besitzern des Hotels Cariari vor, einem der renommiertesten des Landes. Das waren Japaner. Gleich am nächsten Tag hatte Markus ein Vorstellungsgespräch und konnte dann zwei Tage später als Bar-Pianist in diesem Hotel anfangen.Zufällig arbeitete im Hotel nebenan auch ein deutscher Bar-Pianist. Der war ein richtiger Neidhammel. Er verdiente nämlich weniger als Markus, und begann deshalb dessen Klavierspiel zu kritisieren. Sein Verdienst war für dortige Verhältnisse recht gut und das bei einer Arbeitszeit von nur drei Stunden.Nach der Arbeit zog er oft in den Kneipen und Bars von San José mit den Kellnern vom Hotel herum. Doch die "Latinos" entpuppten sich als ziemlich lasterhaft. Sie trinken an einem Abend bis ihr ganzes Gehalt ausgegeben war. Meist hatten sie auch noch Frau und Kinder, brachten aber trotzdem kein Geld nach Hause. Auch Promiskuität ist dort kein Fremdwort.Markus hatte damals eine süße Freundin namens Veronica, die lernte er auf so einer Sauftour kennen und die besuchte ihn mal in der Hotelbar mit ihrer 15-jährigen Cousine. Sein Kumpel, der hinter Bar arbeitete war gleich Flamme für die Cousine. „He, wir sollten alle mal gemeinsam ausgehen und richtig die Sau rauslassen“, meinte der gleich. Gesagt getan. Sie gingen Essen und die beiden verliebten sich ineinander. Dann ging es gleich in eines dieser Stundenhotel (die es in San José an jeder Straßenecke gibt). Wie hätte es auch anders sein können: Die Cousine wurde schwanger und sein Kumpel wollte nichts mehr von ihr wissen, denn der war ja verheiratet und hatte schon Kinder. Markus aber schämte sich furchtbar; hatte er doch beide miteinander verkuppelt. Das Mädchen war an der Sache auch nicht ganz unschuldig. Die verkehrte schon öfters in solchen Hotels und gab Veronica immer Tipps in welchem es am gemütlichsten ist. Die kannte sich gut aus. Sie war halt ziemlich freizügig. So zeigten sich kulturelle Unterschiede, an die man sich erst gewöhnen musste.Noch schlimmer ging es Markus mit dem Typ, der ihm die Arbeit vermittelt hatte. Als der sah, dass Markus so gut verdiente, lieh der sich Geld von ihm und versuchte ihn in schmutzige Geschäfte zu verwickeln. Am Anfang konnte Markus gar nicht glauben, dass der nur ein mieser Halunke war, kannte der doch wichtige Personen aus Politik und Wirtschaftleben. Markus ging dann sogar zur Ministerin für kulturelle Angelegenheiten und erzählte ihr, dass ihr Freund versucht zu betrügen; wusste er doch, dass der auf ihrem Amt als freiberuflicher Restaurator für antike Möbel tätig war. Die warf ihn aber hochkant heraus. Später wurde erzählt, die sei Jüdin und könnte die Deutschen nicht leiden.Einem damaligen Bekannten aus Mexiko passierte es mit einem Freunde, der sogar Pate seines Kindes war, genauso. Bei diesem selbigen Bekannten des Mexikaners lebte Markus 4 Monate ohne zahlen zu müssen. Der verkaufte ihm, ein gestohlenes Auto und gewann dabei genauso viel Geld, wie er Mietzins von Markus hätte verlangen können. Deswegen ist Markus heute das Ganze noch so schleierhaft mit dem Auto. Das Auto wurde er dann doch noch los, so dass wenigstens hier der Schaden sich in Grenzen hielt. Aber der Schock saß tief, musste er doch feststellen, dass man in Costa Rica niemandem vertrauen kann.An Betrügereien nicht ungleich waren auch die dort lebenden Deutschen. Es gab deren viele. Unter den Auswanderern galt Costa Rica als Geheimtipp. Konnte man dort auch illegal bleiben ohne Genehmigung und Papiere. Bei der Ausreise zahlte man dann eine Strafe, die aber lächerlich gering war. So gab es viele Schurken unter den Ausländern. Viele flohen vor der deutschen Justiz oder vor dem Jugendamt, weil sie ihre Alimente nicht bezahlt hatten.Es gab einen, der hatte die deutsche Zeitung dort und der machte Werbung für seine Kapitalgeschäfte. Er versprach 10% Zinsen auf Kapitalanleihen, die er mit Grundstücken absichern wollte. Nur waren die Grundstücke nichts wert und eines Tages floh der Zeitungsinhaber mit all dem Geld klangheimlich nach Brasilien. Später im Laufe seiner Jahre gewöhnte Markus sich an die Schurkereien und traf zum Glück doch noch ein paar Menschen, die ihm Hoffnung machten.Mit Veronica lief es nicht so gut. Anscheinend hatte ihre Mutter, die er nie kennen lernte, etwas gegen diese Beziehung und Veronica hielt den Druck nicht mehr aus. Ihn ärgerte es auch insgeheim, dass sie nicht arbeiten ging und schon ein Kind von jemandem hatte. Die Beziehung verlief im Sand. Sie sahen sich nicht mehr. Nach sechs Monaten Aufenthalt im Land sollte Markus dann allerdings auf seine Traumfrau stoßen.Er frequentierte zu dieser Zeit häufig nach der Arbeit eine Studentenkneipe namens Boca del Monte de Torro. Eines Abends sah er ein wunderschönes Mädchen mit einer großen Gruppe von jungen Leuten in die Bar schlendern. Das ist das hübscheste Mädchen von ganz Costa Rica, dachte er bei sich. Als Erstes getraute Markus sich gar nicht sie anzusprechen, hatte er doch schon die Erfahrung gemacht, dass man allgemein gar nicht so viel hielt von den Ausländern im Land. Seine Arbeitsuniform aber, Sakko und Krawatte, machten ihn selbstbewusst. Markus sah nämlich nicht aus wie ein schäbiger Tourist, sondern eher wie ein Geschäftsmann. Dass er nur schäbiger Pianist war, ist ein ganz anderes Thema.Wer nun denkt, dass Liebe etwas mit Gemeinsamkeiten und gleichen Interessen zu tun hätte, der liegt auf dem Holzweg. Denn es gibt wohl kein größerer Unsinn als der, der über die Liebe geschrieben wurde und noch geschrieben wird. Hören Sie nicht auf die Psychologen und Eheberatern. Denn Liebe ist nicht eine geistige Angelegenheit, sondern eine Körperliche. Am besten ist noch die alte Volkswahrheit, die besagt, dass man sich liebt, weil die Chemie stimmt. Es ist das reine Gefallen zweier Körper aneinander, die mit Hilfe einer Geheimsprache miteinander kommunizieren. Während sich die Köpfe gegenseitig abstoßen, verschmelzen die Körper.Jeder kennt doch das Gefühl: du trittst in einen Raum mit vielen Gästen und da ist die eine die dir gefällt. Ihr habt noch nie ein Wort miteinander gewechselt, aber du hast schon das Gefühl du kennst sie. Du spürst ihre Nähe. Du spürst wenn sie den Raum verlässt. Du spürst dass sie atmet. Eure verschämten niedergeschlagenen Blicke treffen sich im Bruchteil einer Sekunde, als wenn die Augenpaare schon vorher gewusst hatten, dass sie sich treffen werden. Da leider unsere menschliche Sprache dazu da ist, die Unterschiede zwischen den Menschen zu bekunden, ist jedes Wort ein Risiko. Das Bewusstsein ist voll von Wissen, Vorurteil, Schablone und Maßstab. Die reine Empfänglichkeit für die körperlichen Reize des anderen wird durch die Sprache verschmutzt. Liebt man aber rein nach seinen körperlichen Gefühlen, dann ist es nicht wichtig was die Geliebte tut oder sagt. Es wäre nur wichtig, dass die Geliebte da ist, dass sie in der Nähe ist. Es ist diese Nähe, die uns glücklich macht. Sie betritt den Raum und du fühlst dich gleichsam im siebten Himmel. So fühlte Markus sich in diesem Augenblick. Sie stand da und sein Herz pochte. Irgendwie fasste er sich Mut und sprach sie an: „Hallo, wie geht´s?“Das war immer einer seiner Anfangsprüche und der war wie eine Angel, konnte er doch aus der Antwort auf die Gesinnung schließen. Und die war ihm wohl gesonnen. Ein Typ aber, in ihrer Gruppe, der sie überredet und eingeladen hatte in diese Kneipe zu gehen, fand das gar nicht spaßig und versuchte die Unterhaltung zu stören. Der meinte sogar zu ihr, dass Markus als Pianist in diesem Land überhaupt keine Zukunft habe. Damit hatte der ja gar nicht so Unrecht. Als der Typ dann sah, dass er sie nicht mehr auseinander bringen konnte, forderte er alle zum Gehen auf. Er war nämlich der Fahrer. Und so ging das süße Mädchen. Den Namen, sie hieß Marianna, und die Telefonnummer hatte Markus allerdings schon, so dass er sich mit ihr gleich für den nächsten Abend verabredete.Doch wieder hatte dieser Typ seine Hand im Spiel. So geschah es nämlich, dass ein Freund von dem Typ, sich anbot, Marianna zu ihrer Verabredung zu fahren. Der verzögerte allerdings die Ankunft solange, dass sie 50 Minuten zu spät da waren. Markus war natürlich schon längst gegangen. Als richtiger Deutscher hasste er Unpünktlichkeit. Später klärte sich dann alles auf und er war erleichtert, dass seine neue Bekanntschaft nicht auch zu den vielen Unpünktlichen im Lande gehörte. Sie lud ihn dann auf ein Wochenende in ihre Geburtsstadt Filadelfia ein. Das war eigentlich keine Stadt, sondern nur ein Dorf, dass umgrenzt war von riesigen Zuckerrohrfeldern.Ihre Familie und ihre Freunde dort waren so richtig nett. Sie hatte sieben Geschwister und unzählige Bekannte in dem Dorf. Von ganz Costa Rica sollte dieser Ort ihm der Liebste werden. Sie erzählte Markus von ihrer Familie: „Mein Vater hatte früher einen guten Job als Beamter auf dem Gemeindeamt. Aber irgendetwas passierte mit ihm im Laufe der Jahre. Er wurde immer mehr zum Alkoholiker. Eines Tages wurde er von den nicaraguanischen Guerillas so betrunken gemacht, dass er ihnen willenlos ergeben war. Als er wieder aufwachte war er schon in Nicaragua bei den Kämpfern. Er kämpfte an der Seite von Eden Pastora, bei den Contras, für eine Sache, die nicht die Seinige war. Costa Rica hatte mit dem Bürgerkrieg in Nicaragua nichts zu tun. Sie haben ihn Shanghait. Aber trotzdem. Warum ist er nicht heimgekehrt? Unsere Familie war plötzlich allein ohne Geld in einem Dorf welches ausschließlich vom Zuckerrohranbau lebte. Und meine Mutter besaß kein Zuckerrohrfeld."„Wie habt ihr den überlebt“, fragte Markus neugierig.„Wir hielten uns mit Früchten aus dem Garten übers Wasser. Die verkauften wir in der Nachbarschaft. Auch die Kirche half uns, deshalb bete ich noch heute zur Jungfrau Maria, dass sie allen hungernden Kindern auf der Welt Essen gibt. Später kam dann mein Vater wieder zurück vom Krieg, aber meine Mutter hatte schon einen anderen. Er hat sich dann auch eine Frau gesucht. Diese war so schrecklich. Sie war Alkoholikerin wie er. Auch nahm sie Kokain. Sie kam mir so unheimlich vor“, berichtete sie.Mir geht das oft auch so bei Menschen die eine von Drogen zerfressene Persönlichkeit besitzen. Man hat bei denen immer das Gefühl als wären sie vom Teufel besessen.“ „Später hatte ich Gewissensbisse, weil ich immer eine Abneigung gegen sie gehabt hatte. Man fand sie irgendwann tot auf der Straße, alle Viere von sich gestreckt wie einen toten Straßenköder. So darf normalerweise kein Mensch sterben.„Dann hattest du aber keine glückliche Kindheit?“, fragte Markus.„Oh doch! Glaubst du ein Vater spielt bei uns eine große Rolle. Ich war schon traurig, dass er uns im Stich gelassen hatte. Aber ich hatte ja vielen Freunde und Bekannte. Sieben Geschwister waren wir. Wir waren nie allein in unserer Not. Es gab immer jemand der uns half, so dass ich am Schluss gar nicht mehr meinen Vater vermisste oder gar brauchte. Ich hatte mal eine Freundin, die wurde schon mit 15 Jahren schwanger. Da aber die Mutter von ihr schon 8 Kinder großgezogen hatte und das ewige Plärren und Gezanke kleiner Kinder satt hatte, schmiss sie ihre schwangere Tochter aus dem Haus. Das mag zwar ziemlich grausam erscheinen, aber denkst du das Mädchen war auf sich allein gestellt. Eher im Gegenteil. Es wurde dann von einer Tante aufgenommen, die nur zwei Kinder hatte und die sich dann aufgrund ihrer Barmherzigkeit profilieren konnte. Bei dieser Tante ging es ihr nicht schlecht. Oder da fällt mir auch die Geschichte von Juan ein. Der kam als 11-jähriger von Nicaragua unbeobachtet über die Grenze. Ein kleiner dummer Jungenstreich. Als er dann aber wieder zurück wollte nach Nicaragua wurde er von den Sandinisten abgewiesen, die dabei waren, die Grenze dicht zu machen. Nun war der Bub ganz alleine auf sich gestellt. Aber schau ihn dir doch an. Macht der einen Eindruck, wie wenn er ein Kind von Traurigkeit ist. Auf mich macht der einen sehr lebendigen Eindruck. Der fand schnell jemanden der sich um ihn kümmert. Du kannst in die schlimmste Not kommen hier, aber dir wird auch geholfen. Allein die Herzlichkeit und Wärme deiner zahlreichen Bekannte entschädigen dich für all das erlittene Leid.“„Ja, ich glaube, du hast Recht. Als ich damals merkte, dass man mich in den Häusern in denen ich Zimmer mietete nur ausnutzen wollte, erzählte ich mal einem Mädchen, dass ich nur so eben kannte, ganz nebenbei, dass ich nie ein geeignetes Zimmer fände. Innerhalb einer Stunde organisierte sie für mich, bei einer Freundin ein Zimmer, und das obwohl uns gar nichts miteinander verband. Damals erkannte ich, dass es immer einen Ausgleich gibt. Eine Art Verband, der sich über die Wunde legt und der aber gleichzeitig den ganzen Körper einbalsamiert.“„Ich habe mich nie im Leben einsam und verlassen gefühlt. In Deutschland werden solche Probleme institutionell geregelt. Wenn der Vater die Familie verlässt, dann bekommt man Unterhaltsgeld. Wenn Frauen von ihren Ehemännern misshandelt werden, dann bekommen sie in einem Frauenhaus Unterschlupf und Verpflegung. Wenn man arm ist, dann bekommt man Sozialhilfe. Ist man Drogenabhängig, dann darf man eine Therapie besuchen. Aber bei all diesen helfenden Institutionen in meinem Land, kommt es mir manchmal so vor, als würde ein fremder gleichgültiger Mensch die Gebote der Nächstenliebe auswendig lernen. Aber um noch mal das Thema auf die Kinder zu bringen, wusstest du, dass rein statistisch die Hälfte aller Kinder in Costa Rica keinen rechtmäßigen Vater haben? Ich denke die Ursachen dafür werden immer die Gleichen sein: Alkohol, Machismo, Promiskuität, Verantwortungslosigkeit, Faulheit. Das finde ich traurig, aber wie schon gesagt, die Kinder sind trotzdem glücklich, auch wenn es vielleicht empirische Untersuchen darüber gibt, wie die Vaterfigur die Persönlichkeit der Kinder fördert. Das mag vielleicht auch zutreffen für eine Kleinfamilie, wie es sie in deinem Land gibt. Aber bei uns mit unseren Großfamilien werden alle Väter durch andere Bezugspersonen ersetzt. Das kann der Freund sein, der Onkel, die Tante. Ja, sogar der Nachbar. Ich kann dir das nur aus eigener Erfahrung sagen. Wir sind kein unglückliches Volk.“Auch Markus hatte einen Vater, der dem Alkohol verschrieben war, obwohl die sozialen Folgen nicht so katastrophal waren wie bei Marianna. Sein Vater war irgendwie nie anwesend, obwohl er physisch da war. Markus hatte schon in seiner Kindheit das Gefühl, dass er keinen Vater habe. Manchmal fühlte er sich wie Kafka in seinem Elternhause. Vielleicht war es diese Gemeinsamkeit, die sie so anzog. Auf alle Fälle waren beide verliebt ineinander, dass sie nach fünf Monaten beschlossen zu heiraten. Drei Monate nach der Heirat wurde sie schwanger. Inzwischen sind sie 8 Jahre verheiratet und haben zwei Kinder. Die Ehe läuft fabelhaft, besonders wenn man bedenkt, was sie in dieser Zeit alles an Überraschungen und Enttäuschungen erlebt haben.Eine Tatsache befremdet ihn aber heute noch wenn es um Liebesbeziehungen geht: Die enorme Eifersucht zwischen den Liebespartner. So kommt es traurigerweise in diesen Ländern vor, dass Ehemänner ihre Frauen umbringen, weil sie sich einbilden, die seien Fremdgegangen. Es sterben jedes Jahr ungefähr 35 Frauen von der Hand ihres Partners und das bei einer Bevölkerung von nur 3 Millionen. Trauriger Rekord in ganz Lateinamerika hält die Dominikanische Republik mit über 300 „muertes passionales“. Dies widerspricht so ganz dem freien und frohsinnigen Lebensgefühl der Latinos. Auch seine Frau neigt zur unverständlichen Eifersucht. Es darf nicht mal eine Frau anrufen bei ihm. Gut, sie weiß natürlich wie promiskuitiv ihre Landsleute sind. In Costa Rica ist Sex nämlich so normal, wie Kaffee trinken gehen. Es hilft den Menschen über die Banalität des Alltags hinweg. Als er später mal mit einem Freund darüber redete meinte der: „Wir Männer benehmen uns manchmal wie die Hunde. Wir meinen es doch gar nicht so mit unseren Frauen. Ich würde doch meine Frau nicht einfach für eine andere aufgeben, nur weil ich mit der im Bett war. Man braucht das ab und zu als Kompensation“.Und über den Machismo sagte er: „Das haben wir noch von unseren Vorfahren, den Indianern. Bei denen hatten die Frauen nämlich soviel Rechte wie ein Wildschwein. Und die katholische Kirche hat es in fünf Jahrhunderten auch nicht geschafft diesen Irrsinn auszurotten.“Markus erwiderte: „Aber ihr seid doch immer sehr charmant zu den Frauen, wenn er das so sehe in der Disco oder auch bei seiner Arbeit. Ihr behandelt sie weitaus besser als wir unsere Frauen.“Darauf der Freund: „Wir behandeln sie wie Prinzessinnen. Aber wenn wir dann heiraten nimmt unsere Verehrung für unsere Frauen irrationale Züge an. So kommt es dann zu den Einbildungen und Eifersüchteleien. Die meisten bereuen hinterher ihre Tat und bitten um Entschuldigung wie ein kleines Kind. Es scheint so zu sein, dass der Akt unabhängig von der Person ausgeführt wird, wie wenn sich ein fremder Dämon in diesem Moment in sie eingenistet hätte “.Markus: „Dann hoffe ich bloß für meine Ehe, dass sich bei uns kein Dämon einnistet.“Damals lernte Markus im Teatro Nacional einen Amerikaner kennen mit dem er sich anfreundete. Dieser war schon über 70 Jahre alt. Normalerweise verkehrte Markus nicht mit Leuten in diesem Alter, noch dazu wenn sie so reich waren wie der es war. Der Amerikaner mit Namen Bill besaß ein riesiges Grundstück mit Fruchtplantagen und mehreren Häusern. Schwimmbad und Tennisplatz fehlten natürlich auch nicht. Als Markus erzählte, dass er Pianist sei war Bill ganz begeistert. Bill hatte selbst ein Klavier nur war es nicht gestimmt. Zufällig lernte Markus am Vortag in dem Hotel, in dem er spielte einen Klavierstimmer kennen. Mit dem tauschte er die Telefonnummer, denn man kann ja nie wissen.. Diese gab er seinem neuen Freund, und der bestellte den Klavierstimmer zum Stimmen seines Klaviers. Der Amerikaner wollte unbedingt, dass Markus beim Stimmen dabei wäre, denn so könnte man gleich die Qualität der Arbeit überprüfen. Nur dazu kam es nicht. Der Klavierstimmer verscherzte sich seine Arbeit. Bill fragte ihn wann er kommen wollte und der Typ erklärte, dass er so gegen acht Uhr morgens bei Bill eintreffen werde. Markus kam das gleich spanisch vor, wusste er doch, dass der dann sehr früh aufstehen musste. Sie warteten. Der Typ kam nicht um acht, sondern rief um zehn Uhr an, dass er später käme. Bill war ganz aus dem Häuschen. Schließlich kam der Klavierstimmer um 13:00 Uhr. Da meinte dann Bill, dass er ihn nicht reinlasse werde, denn verarschen könne er sich selber.„Aber das ist doch immer das gleiche Problem mit den Latinos. Die Anwälte kommen zu spät, die Ärzte, die Frisöse, die Schneiderin - im Endeffekt habe ich noch nie jemanden gesehen der pünktlich war“, sagte Markus zu Bill um ihn zu beruhigen.Bill konterte: „Das ist es ja so, was ich an diesen Menschen hasse. Ihnen ist nichts wichtig. Sie sind verantwortungslos und denken mit uns können sie das machen“.Markus: „Aber dieser Typ hat das ja nicht absichtlich gemacht. Der ist halt nur zu dumm um zu berechnen wie lange er braucht. Denkst du, der hat sich nicht über die Arbeit gefreut als du angerufen hast? Sicherlich hat der sich gefreut. Ein Klavierstimmer in Costa Rica. Der findet doch nie eine Arbeit. Wie viele Klaviere gibt es den in diesem Land?. Die kann man doch an zwei Händen abzählen. Nein, ich glaube die Latinos sind eben so."Bill: „Dann wird das Land immer ein Entwicklungsland bleiben.“Markus: „Das stimmt, aber deswegen sind sie ja auch hier. Man muss so etwas leider akzeptieren, sonst geht man hier zugrunde. Und überhaupt glaubst du, dass du noch einen Klavierstimmer finden kannst. Ich habe mich ja schon gewundert, dass es überhaupt einen gibt. Selbst wenn du noch einen weiteren fändest, glaubst du der ist dann pünktlich. Gut, vielleicht stellt der sich nicht so dumm an, wie der andere, aber der wird auch unpünktlich sein und würde sich nicht mal entschuldigen. Es ist wie eine eiserne Regel hier. Ich hatte auch am Anfang riesige Probleme mich an die kulturellen Unterschiede zu gewöhnen. Vielleicht habe ich das ja immer noch. Manchmal ist es wirklich zum Heulen. Aber nehmen wir doch an, dieser Klavierstimmer wäre einer dieser klugen gebildeten Menschen, die ihre Mitmenschen mit der Taktik eines Börsenmaklers behandeln. Er hätte dann einen festgelegten Terminkalender. Er hätte dann eine schöne Armbanduhr, die sein Leben bestimmte. Er würde sich nach Art der Versicherungs-vertreter benehmen und allen Menschen seine Dienstleistungen oder Produkte andrehen, ohne dass diese sie bräuchten. Ein schlauer Fuchs eben. In so einem Falle hätten wir doch gar nicht auswandern brauchen, denn dieselbe Stimmung, dasselbe Lebensgefühl wie bei uns daheim läge in der Luft. Und wir könnten uns nicht mehr so schön berauschen an dem Wissen, dass wir klüger sind wie die da. Ich gebe zu, dass ich spätestens, wenn ich in ein Krankenhaus komme, mir wünsche, ich wäre daheim. Ich kann nur hoffen, dass uns eines Tages Computer operieren, dann brauche ich mich über die Fehlerhaftigkeit der Menschen, besonders der hiesigen Menschen, keine Sorgen mehr zu machen. Man müsste einen Weg finden, wie man ein erfülltes und gefühlvolles Leben auch Mithilfe einer Magnetschwebebahn erreichen könnte.“Bills Klavier wurde erst zwei Jahre später gestimmt. Da rief Markus nämlich sein Grundstücksverwalter, der ein Tico ist, an und verlangte die Nummer des Klavierstimmers. Da der ja seine Landsleute kennt, macht es ihm auch nichts aus wenn sie unpünktlich sind. Es ist halt alles anders hier.Markus kaufte für Marianna und sich ein Haus in El Carmen de Guadalupe, ein Ort in der Nähe von San José. Dort freundeten sie sich schnell mit den Leuten der Nachbarschaft an. Jetzt erst sollte sein Leben in geordneten Bahnen verlaufen. Sein direkter Nachbar in diesem Wohnviertel wurde sein bester Freund. Der ist Christ und bei dem ist er sich wirklich sicher, dass der aufrichtig durchs Leben geht. Der half ihm ein ganzes Zimmer zu bauen, so sparte er sich die Handwerker. Aber nicht nur der Nachbar ist regelmäßig eingeladen in seinem Hause, auch andere besuchten ihn regelmäßig. Da ist der Chinese, der den Supermarkt im Ort hat, dann Doña Maria, die zwei Kinder in dem selben Alter hat, Enrique, der Gemüsehändler, Sanzchez, Mario, Rosa, Emilia...Als Markus und seine Familie nach Deutschland gingen, machte der ganze Ort eine Fiesta für sie und alle beteten auf das es ihnen in Deutschland gut gehe. Nach eineinhalb Jahren musste er seinen Job wechseln - ihm wurde einfach so gekündigt. Es ging Markus wahrscheinlich so wie seinem Vorgänger. Es kam wieder einer mit besseren Beziehungen und dann wurde man von heut auf morgen entlassen. Das war ausgerechnet am selben Tag an dem sein erster Sohn geboren wurde. Dann arbeitete er als Übersetzer in einem Büro, wechselte aber schon nach einen Monat in die Tourismusbranche. Markus fand Arbeit als Reiseleiter in einer Lodge an der karibischen Küste. Die Tour war so organisiert, dass er die Leute von der Hauptstadt an die karibische Küste mit Bus und Boot begleiten und unterhalten sollte. Dabei sollte er möglichst viel über die Landschaft, die Tier- und Pflanzenwelt erzählen. Am Anfang wusste er natürlich überhaupt nichts. Die Flora und Fauna der costaricanischen Regenwälder war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Aber er lernte mit jeder Tour immer mehr. Von allen seinen Tätigkeiten die Markus in seinem Leben ausübte, sollte der Job als Tourguide ihm der Liebste werden. Nach einem Jahr kannte er jeden Vogel und jeden Baum im Regenwald und war der perfekte Reiseleiter. Er nannte sich von nun an Spezialist für neotropische Vögel und Botanik. Im Endeffekt sah er genau in dieser Art von Arbeit seine Erfüllung: Er konnte den ganzen Tag erzählen, kam mit vielen Leuten zusammen, und war immer in freier Natur. Und dachte er anfangs noch mit einem gewissen Ressentiment an das Land aufgrund seiner anfänglichen Misserfolge, beschwichtigte sich allmählich sein Gemüt. Seine Ehe, seine Kinder, sein toller Job, die herzlichen Menschen, nicht zuletzt sein eigenes Haus waren die Kompensation für die vergangenen Misserfolge. Das Auswandern lohnte sich also.....Haben ihnen die Auszüge gefallen?
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